„Wir werden uns mit den Taliban arrangieren müssen“

Afghanistan nach dem Abzug des Westens –

Vortrag der Europäischen Akademie Bayern am Gymnasium Pfarrkirchen

Aktueller kann ein Vortrag zur Geschichte eines Landes nicht sein – so zumindest der Eindruck der angehenden Abiturienten des Gymnasiums Pfarrkirchen. Unter dem Titel „Mission accomplished? - Nach ISAF und Resolute Support ist das Islamische Emirat in Afghanistan zurück“ referierte der Politikwissenschaftler Jochen Zellner von der Europäischen Akademie Bayern auf Einladung von Geschichts- und Sozialkundelehrer Stephan Katzbichler über die historischen, gesellschaftlichen und religiösen Besonderheiten Afghanistans und ging dabei auch auf die Rückkehr der Taliban an der Spitze des Landes am Hindukusch ein.

„Die aktuellen Ereignisse in Afghanistan sind nur zu verstehen, wenn man die historischen Zusammenhänge berücksichtigt“, gab der Referent eingangs zu bedenken. Anhand von eindrucksvollem Bild- und Kartenmaterial zeigte Johann Zellner die Entwicklung des Landes im 19. und 20. Jahrhundert auf. Afghanistan, machte der Referent deutlich, sei seit rund 200 Jahren ein Land „zwischen den Mächten“, dessen Eigenheiten nicht unter Zuhilfenahme westlicher Leitbilder verstanden und bewertet werden dürften. Denn das vorderasiatische Land mit seinen rund 38 Millionen Einwohnern und 49 verschiedenen Sprachen ist geprägt von großer Vielfalt, die sich auch in immer wieder kehrenden Konflikten zwischen den Ethnien der Paschtunen und Tadschiken sowie den Glaubensgruppen der Schiiten und Sunniten äußern.

Nicht zuletzt vor diesem Hintergrund habe die im Jahr 2001 angelaufene Afghanistan-Operation unter Beteiligung zahlreicher NATO-Staaten ihr Ziel letztlich deutlich verfehlt, das Land nachhaltig zu konsolidieren und stabilisieren. Spätestens seit dem im Februar 2020 von den USA angekündigten Truppenabzug sei klar gewesen, dass die Taliban nach und nach das Land wieder unter ihre Kontrolle bringen würden. Mit dem Einmarsch der Taliban in Kabul und der Besetzung des Präsidentenpalastes im August dieses Jahres sei dies letztlich auch bittere Realität geworden.

Die zahlreichen Fragen aus den Reihen der Schülerschaft nach der Rolle der Ortskräfte, dem Schicksal von Frauen und Mädchen sowie der Rolle der USA im Konflikt machten deutlich, wie brisant das Thema ist und wie sehr es die jungen Erwachsenen beschäftigt. Und wie ist es um die Zukunft Afghanistans bestellt? Weiterhin dringend notwendig sei Hilfe für die Menschen in Afghanistan vor Ort, vor allem im Hinblick auf den nahenden Winter, betonte Jochen Zellner abschließend, fügte aber hinzu: „Wir werden uns in den nächsten Jahren mit einem von den Taliban dominierten Emirat in Afghanistan arrangieren müssen.“

                                                                                                                                                                                                                                     Stephan Katzbichler
                                                                                                                                                                                                                                     Dez 2021